Die
Fronten am Nürburgring sind verhärtet. Die neue Betreibergesellschaft
der Eifel-Rennstrecke sorgt seit dem 1. Mai 2010 für extrem
zwiegespaltene Reaktionen in der Öffentlichkeit. Sowohl mit ihrer
Preisgestaltung gegenüber Industrie, Rennserien, Automobilclubs,
Trackday-Veranstaltern und Touristenfahrern, als auch in ihrem
Verhältnis zur ortsansässigen Gastronomie, Hotellerie, Presse und
anderen vom Tourismus abhängigen Betrieben steht die Nürburgring
Automotive GmbH ständig in der Kritik.

Volles Haus: 25000 Buchungen über den Winter
Erschwerend kommt hinzu, dass die Bürger des Landes Rheinland-Pfalz
durch die staatliche und stattliche Investitionssumme von 330 Millionen
Euro an Steuergeldern für den neuen Nürburgring in den kommenden Jahren
ein riesiges Haushaltsloch zu erwarten haben, das über die Zahlungen
seitens der neuen Pächter alleine wohl nicht zu stopfen sein wird.
Insbesondere, weil weitere Kosten in Form von noch nicht vollendeten
Baumaßnahmen, Nachbesserungen, Wartungsarbeiten und Zahlungen an die
Formel 1 zu leisten sind und bald die 400 Mio Euro Grenze erreichen
werden.
Ausgerechnet die Formel 1 soll nach Willen der rheinland-pfälzischen
Landesregierung in der Wahlperiode 2011 bis 2016 nur noch ein einziges
Mal ausgetragen werden, vermutlich 2013 oder 2014. Die Landes-SPD und
ihr neuer Koalitionspartner »Die Grünen« wollen die Zahlung in Höhe von
13 Millionen Euro pro Rennen an Bernie Ecclestone einsparen, immerhin
hat das Land einen Schuldenberg von 34 Milliarden Euro angehäuft.
Andererseits entgehen der Region auch erhebliche Einnahmen, wenn das
F1-Event wegfällt: Laut Zahlen des Kreises Ahrweiler aus dem Jahr
2005 registrierte die Formel 1 seit der Rückkehr 1995 mehr als 2,3
Millionen Besucher und 1,8 Millionen Übernachtungen in der Region um
den Nürburgring. Das Grand-Prix-Wochenende brachte damals mehr als 60
Millionen Euro Umsatz, die in Zukunft fehlen würden. Darin sind rund 8
Millionen Euro Umsatzsteuer enthalten, die wieder direkt dem Land
zufließen würden.
Als die Nürburgring Automotive GmbH im Mai vergangenen Jahres ihre
Arbeit aufnahm, wurden zuerst alle bestehenden Verträge mit Industrie,
Rennserien, Veranstaltern, Zulieferern und Mietern auf den Prüfstand
gestellt und an den Markt angepasst, wie Jörg Lindner, Geschäftsführer
der privaten Gesellschaft, erläutert. Alle mündlich getroffenen
Vereinbarungen wurden für nichtig erklärt, wie beispielsweise die
Scuderia Hanseat, langjähriger Kunde am Ring, verärgert zur Kenntnis
nehmen musste und daraufhin eine von zwei Veranstaltungen 2011 aus
Kostengründen absagte.
Der Vertrag mit dem Industriepool, einer Interessengemeinschaft aus
Automobil- und Zulieferer-Industrie, war bereits von der
Vorgängergesellschaft aufgekündigt worden, alle Verhandlungspartner
mussten neue Konditionen mit der neuen Betriebsgesellschaft aushandeln.
Reifenhersteller Pirelli zog Anfang Januar dieses Jahres medienwirksam
die Reißleine und kehrte der Nordschleife den Rücken. Doch nur wenige
Wochen später testete das Unternehmen, wie alle anderen Firmen aus dem
vormaligen Industriepool auch, wieder auf der Nordschleife. Darüber
wurde dann aber kaum berichtet. Allerdings wurde die Testzeit auf der
Nordschleife von der Industrie reduziert, Teststrecken in Nogaro (F),
Papenburg und andere erfahren seitdem steigende Auftragszahlen.
Knackpunkt Koppelgeschäft
Leidtragende dieser veränderten Situation sind vor allem die Hotels-,
Pensionen und Gastronomiebetriebe rund um den Nürburgring. Sie erfahren
weniger Buchungen und vermerken schwächelnde Auftragszahlen auch
außerhalb der Rennwochenenden, wie Andrea Thelen, Hotelbesitzerin und
Vorsitzende des örtlichen Gewerbevereins in Adenau, erklärt. Dort
fordert man, die Geschäftsführer-Kombination aus Lindner-Hotel und
Rennstreckenbetrieb zu beenden, da die Gewerbetreibenden befürchten,
die verbliebenen Kunden an die Hotels von Jörg Lindner zu verlieren.
Auch der Verein »Ja zum Nürburgring« sagt mittlerweile »Nein« zum
Nürburgring. 1976 hatten die Förderer mit Zuschüssen in Höhe von 6
Millionen DM den Neubau mitfinanziert und später noch einmal 1,65
Millionen Euro für Sicherheitsmaßnahmen aufgebracht. Nun wenden sie
sich enttäuscht ab. »Aufgrund der Fehlentwicklungen am Nürburgring
fordert der Verein jetzt einen Betrag in Höhe von rund 1,6 Mio. Euro
zurück. Des Weiteren bereitet er eine Beschwerde an die EU-Kommission
wegen des Verstoßes gegen europäisches Beihilfe- und Vergaberecht vor«,
teilte der Verein der Presse Mitte März mit. Vor allem sieht er die
wirtschaftlichen Interessen der neuen Betreiber im Widerspruch zur
Investition von öffentlichen Mitteln zur Förderung der Region. Sogar
ein eigenes Rechtsgutachten über die nicht öffentlich ausgeschriebene
Vergabe der Pachtverträge haben die Ring-Freunde in Auftrag gegeben.
Aus Brüssel erging daher mittlerweile ein Schreiben nach Berlin mit
konkreten Fragen zum Vergabeverfahren und zu unerlaubten Beihilfen, vor
Ende Mai muss Landeswirtschaftsminister Hering eine Stellungnahme
abgeben. Insgesamt wurden zehn Verträge zwischen dem Land und den neuen
Betreibern Richter und Lindner abgeschlossen, mit für das Land offenbar
sehr nachteiligen Konditionen.
Der Koblenzer Wirtschaftsanwalt und Ring-Experte Carl-Bernhard von
Heusinger, so schreibt die Wirtschaftswoche, lässt an dem Konstrukt
rund um Motorsport Resort, Grüne Hölle Betriebsgesellschaft und
Automotive kein gutes Haar: »Das sind wieder keine ordentlichen
Verträge«, sagt der Jurist, der in den Vorgängen rund um den
Nürburgring die Grünen berät: »Das Land hat mal wieder nicht
aufgepasst.«
Zudem reißen die Gerüchte nicht ab, Lindner würde
Rennstrecken-Veranstalter an seine Hotels mit Kopplungsverträgen
binden. Lindner widerspricht vehement: »Das wird zwar ständig
behauptet, aber es stimmt nicht! Wir haben direkt an der Rennstrecke
500 Betten. Selbst bei unterdurchschnittlich vermarkteten
Veranstaltungen sind wir überbelegt.« In Reiseangeboten auf seinen
Online-Seiten bewirbt der Nürburgring neben seinen eigenen Häusern auch
für Hotels vor Ort und in der Region.

Zweiter Umsatzbildungsweg: Boxkampf in der Ring-Arena
Über mangelnde Auslastung seiner eigenen Hotels kann sich Lindner
innerhalb und außerhalb der Saison nicht beklagen, zwischen November
und Februar wurden knapp 25.000 Buchungen gezählt, die meist aus
motorsportfremden Veranstaltungen herrührten. Hier sieht der neue
Betreiber seine größten Chancen zur Vermarktung der Infrastruktur
abseits vom Motorsport und nutzt neue Kanäle der Kundenansprache.
Konzerte, Boxkämpfe, Vertriebstagungen, Produktpräsentationen, selbst
700 Busunternehmer sollen den Nürburgring für Tagesreisen in Zukunft
ansteuern.
Rennserien- und Trackday-Veranstalter sowie Automobilclubs bemängeln,
dass die Vertragsverhandlungen erst viel zu spät abgeschlossen wurden.
Der ADAC Nordrhein äußerte Unmut über langwierige Verhandlungen zum
24h-Rennen, das größte Event am Nürburgring. Ein Vertrag für die Jahre
2010 bis 2012 mit den Preisen von 2008 sollte dem Automobilclub
Planungssicherheit geben, doch im nächsten Jahr werden die Karten neu
gemischt und dann sind Mehrkosten unvermeidlich, auch wenn Lindner
steigende Pachtkosten nicht auf dem Rücken der Rennsportevents
austragen will. »Mit den Preisen für die Veranstaltungen gewinnen wir
den Krieg nicht. Womit wir erfolgreich sein müssen, ist, die
Veranstaltungen erfolgreich zu vermarkten. Damit verdienen wir Geld.«
Dazu gehört auch, die künftige Großküche auszulasten und
Veranstaltungen im eigenen Hause für Großereignisse besser nutzen zu
können. Aktuell wird das Essen noch aus dem Lindner Hotel und von
ortsansässiger Gastronomie angeliefert. In Zukunft sollen die Caterer
die Küche für die Vorbereitung der Speisen nutzen können, alle Verträge
wurden verlängert. »Da wird es keine Einschränkungen geben, weil wir
das gar nicht leisten könnten« erklärt Lindner.
Doch nicht immer kommt es zur gütlichen Einigung. Mit dem holländischen
Fahrzeugvermieter Ron Simons und seinem Unternehmen RSR Nürburgring
ging es bis zum Oberlandesgericht. Der Rechtsstreit fußte auf einem
Hausverbot, nachdem sich Simons wiederholt nicht an Regeln zum Befahren
der Nordschleife im Touristenverkehr gehalten haben soll. Simons aber
vermutete, die Nürburgring Automotive GmbH wolle ihm mit ihrer eigenen
Rennfahrerschule Marktanteile abnehmen. Das Oberlandesgericht sah
letztlich keine Grundlage für das Hausverbot und gab Simons Recht.
Die Medien und die öffentliche Meinung sind beim Thema Nürburgring
mittlerweile in zwei Lager gespalten. Negative Gerüchte reißen nicht
ab, das macht es schwierig, in diesem Umfeld der Wahrheit auf den Grund
zu kommen. Anschuldigungen an die »Herren am Ring«, einzelne Rennserien
zugunsten der besser zahlenden Touristenfahrer über die Klinge springen
zu lassen, streitet Lindner ab. »Man kann den Nürburgring nicht zur
reinen Touristenfahrerattraktion machen, das funktioniert im
Gesamtkonstrukt dann wieder nicht.«
Rennsport macht den Nürburgring aus, daher ist Lindner mit der VLN im
Gespräch, das Format noch interessanter zu machen. Lindner: »Die VLN
ist ein schlafender Riese.« Man habe auch keine Rennveranstaltung
abgesagt. »Motorsport ist weiterhin das Thema am Nürburgring, reicht
aber alleine heute nicht mehr aus.«
Am Ring ist Feingefühl gefragt, will man die Menschen, die von ihm
leben, und seine Fans, die ihm auch durch die harten Jahre hindurch die
Treue gehalten haben, am Ende nicht verlieren. [•]
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 13 motorsport-guide.
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Jörg Lindner und Kai Richter, die Geschäftsführer der Nürburgring Automotive GmbH
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